„Du bist nicht mehr da, wo Du warst, aber Du bist überall, wo wir sind“ (Victor Hugo)

Sternenkinder: Hilfestellung für Angehörige

Icon-Symbolbild zwei Menschen, Trost

„Für ein Kind, dessen Eltern sterben, stirbt die Vergangenheit.
Für die Eltern, deren Kind stirbt, stirbt die Zukunft.“
(abgewandelt von B. Auerbach)

Unsicherheit prägt den Umgang mit Trauernden

Leider scheint in unserer heutigen Gesellschaft der natürliche Umgang mit dem Tod zunehmend verloren gegangen zu sein. Während Sterben und Trauern früher selbstverständlicher Teil des familiären und gesellschaftlichen Lebens waren, werden sie heute häufig aus dem Alltag verdrängt. Früher wurden Verstorbene oft zuhause aufgebahrt, Familie, Freunde und Nachbarn kamen zusammen, trauerten gemeinsam und verabschiedeten sich bewusst von dem Toten. So wie viele Menschen zuhause geboren wurden, starben sie auch dort – eingebettet in das Leben ihrer Angehörigen. Der Kreislauf des Lebens wurde auf natürliche Weise sichtbar und erlebt.

Heute hingegen findet Tod meist fern vom alltäglichen Leben statt. Verstorbene werden häufig kaum noch gesehen, sondern verschwinden schnell aus dem unmittelbaren Umfeld, werden beerdigt oder eingeäschert, ohne dass ein bewusster gemeinsamer Abschiedsprozess stattfindet. Dadurch fehlt vielen Menschen die direkte Erfahrung mit Sterben, Tod und Trauer.

Dabei kann gerade dieses wortwörtliche „Begreifen“ wichtig sein, damit die Seele den Verlust erfassen und verstehen kann. Den verstorbenen Menschen noch einmal zu sehen, Abschied zu nehmen und den Tod bewusst wahrzunehmen, kann helfen, die Realität des Verlustes anzunehmen.

Da der Tod heute oft nicht mehr selbstverständlich zum Alltag gehört, haben viele Menschen auch den Umgang mit Trauernden verlernt. Angehörige, Freunde oder Bekannte reagieren deshalb häufig unsicher, vermeidend oder unbeholfen, wenn sie Hinterbliebenen begegnen. Sie werden mit einem Schmerz und einem Thema konfrontiert, der ihnen Angst macht. 

Es fehlen gemeinsame Rituale und gesellschaftliche Orientierungspunkte, die Halt geben und zeigen, wie man Trauernden begegnen oder sie begleiten kann

Dadurch fühlen sich viele Betroffene zusätzlich isoliert oder missverstanden.

Anteilnahme, Anerkennung und Präsenz sind wichtig

Als Angehörige, Freunde oder Familienmitglieder fühlen wir uns oft hilflos, wenn eine Frau oder ein Paar eine Fehlgeburt oder Totgeburt erlebt hat. Der Wunsch zu helfen ist groß, gleichzeitig besteht die Angst, etwas Falsches zu sagen oder den Schmerz noch größer zu machen. Aus Unsicherheit ziehen sich viele Menschen zurück, meiden den Kontakt oder wechseln das Thema. Für die Betroffenen kann dieses Schweigen und die Distanz jedoch sehr schmerzhaft sein, denn sie erleben nicht nur den Verlust ihres Kindes, sondern oft auch das Gefühl, mit ihrer Trauer allein gelassen zu werden.

Dabei braucht es meist keine perfekten Worte. Niemand kann den Verlust ungeschehen machen oder die Trauer nehmen. Was betroffene Eltern oft am meisten brauchen, ist die Erfahrung, dass ihr Kind gesehen wird und ihr Schmerz einen Platz haben darf. Ein einfaches „Es tut mir leid“, „Ich denke an euch“ oder „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich bin da“ kann mehr Trost spenden als viele gut gemeinte Ratschläge.

Besonders wichtig ist es, den Verlust nicht kleinzureden oder anzuerkennen. Auch wenn die Schwangerschaft noch früh war, haben viele Eltern bereits eine tiefe Beziehung zu ihrem Kind aufgebaut. Sie haben von ihm geträumt, Pläne gemacht und sich ein gemeinsames Leben vorgestellt. Aussagen wie „Ihr könnt es ja noch einmal versuchen“ oder „Wenigstens war es noch früh“ mögen tröstend gemeint sein, vermitteln aber häufig den Eindruck, dass das verstorbene Kind ersetzbar sei oder der Verlust nicht so schwer wiegen dürfe.

Hilfreich kann es sein, das Kind beim Namen zu nennen, wenn die Eltern einen Namen vergeben haben. Viele Betroffene berichten, dass es ihnen guttut, wenn andere ihr Kind nicht vergessen. Denn eine der größten Ängste trauernder Eltern ist oft, dass ihr Kind mit der Zeit aus den Gedanken der anderen verschwindet. Das Kind ist zwar gestorben, aber es bleibt dennoch Teil ihrer Familie und ihrer Geschichte.

Trauer endet außerdem nicht nach wenigen Tagen oder Wochen. Während das Umfeld häufig schnell wieder zum Alltag übergeht, beginnt für die Eltern oft erst dann die eigentliche Verarbeitung des Verlustes. Deshalb kann es besonders wertvoll sein, auch Wochen oder Monate später noch nachzufragen, eine Nachricht zu schreiben oder an besonderen Tagen wie dem errechneten Geburtstermin oder dem Todestag an die Familie zu denken.

Neben emotionaler Unterstützung können auch ganz praktische Hilfen entlasten. Einkaufen, Essen kochen, Geschwisterkinder betreuen oder andere kleine Aufgaben übernehmen, kann den Eltern in einer Zeit helfen, in der selbst alltägliche Dinge unendlich schwer erscheinen.

Letztlich geht es nicht darum, die richtigen Worte zu finden oder die Trauer zu lösen. Es geht darum, den Schmerz nicht allein tragen zu müssen. Wer bereit ist zuzuhören, auszuhalten und den Verlust anzuerkennen, schenkt etwas sehr Wertvolles: das Gefühl, mit der Trauer nicht unsichtbar zu sein. Oft ist genau das die Unterstützung, an die sich betroffene Eltern noch viele Jahre später erinnern.

Trauer darf sein

„Ich hatte eine Fehlgeburt in der 9. Schwangerschaftswoche, andere erleben eine Totgeburt.“
„Bei Dir war die Fehlgeburt noch früh, bei mir geschah es erst in der 28. Schwangerschaftswoche.“
„Du hast bereits Kinder – kinderlose Paare leiden doch noch viel mehr.“

Solche Vergleiche begegnen Betroffenen immer wieder – manchmal von außen, manchmal entstehen sie auch in den eigenen Gedanken. Und ja: Es wird immer Schicksale geben, die aus objektiver Sicht noch schwerer erscheinen. Doch was bewirken solche Relativierungen tatsächlich? Meistens nichts Tröstliches.

Vergleiche und Bewertungen dieser Art sprechen der eigenen Trauer oft unbewusst ihre Berechtigung ab. Sie bagatellisieren den Schmerz und vermitteln Betroffenen das Gefühl, mit ihren Empfindungen nicht sein dürfen oder nicht verstanden zu werden. Anstatt Trost zu spenden, verstärken sie häufig Einsamkeit und inneren Rückzug.

Trauer lässt sich nicht gegeneinander aufwiegen. Sie kennt keine Rangordnung und keine objektive Skala. Jeder Verlust wird individuell erlebt und ist eingebettet in persönliche Hoffnungen, Bindungen, Erfahrungen und Lebensumstände. Deshalb ist der Schmerz nicht weniger berechtigt, nur weil es andere Menschen gibt, die ebenfalls oder vermeintlich „mehr“ leiden.

Die Trauer darf so lange da sein und so viel Raum einnehmen, wie sie braucht. Oft zieht sie wie ein ungebetener Gast ins Leben ein – plötzlich, schwer und alles überschattend. Mit der Zeit verändert sich ihre Präsenz: Sie wird leiser, verliert etwas von ihrer Wucht und tritt mehr in den Hintergrund. Ganz verschwinden wird sie vielleicht nie. Sie hinterlässt Spuren und meldet sich manchmal unvermittelt nach gewisser Zeit und zu einem besonderen Anlass wieder für eine Weile zurück.

Bis dahin braucht sie vor allem eines: einen liebevollen und verständnisvollen Umgang – sowohl von den Betroffenen selbst als auch von den Menschen in ihrem Umfeld.

Häufige Reaktionen des Umfelds

Vermeidung, Hilflosigkeit, Unverständnis, Überforderung

Viele Angehörige fühlen sich angesichts einer Fehlgeburt oder Totgeburt hilflos. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen, haben Angst, etwas Falsches zu sagen, oder können den Schmerz der Betroffenen selbst kaum aushalten. Sehen sich mit dem Thema „Tod“ konfrontiert, das ihnen Angst macht. Aus dieser Unsicherheit heraus reagieren manche mit Rückzug und vermeiden das Thema oder sogar den Kontakt. Andere versuchen, die Trauer zu lindern, indem sie tröstende Erklärungen oder vermeintlich aufmunternde Aussagen anbieten.

Sätze wie „Das Leben muss weitergehen“, „Besser jetzt als später“, „Anderen geht es noch schlechter“ oder „Dein Kind hätte nicht gewollt, dass du so traurig bist“ sind meist gut gemeint. Dennoch können sie bei den Betroffenen das Gefühl auslösen, dass ihre Trauer unerwünscht ist und möglichst schnell überwunden werden sollte.

Für Eltern, die ihr Kind verloren haben, steht jedoch nicht ein Problem im Raum, das gelöst werden kann, sondern ein Verlust, der betrauert werden muss. Die Trauer ist keine Fehlfunktion, die behoben werden sollte, sondern eine natürliche und gesunde Reaktion auf ein einschneidendes Ereignis. Versuche, den Schmerz zu relativieren, umzudeuten oder zu beschleunigen, werden deshalb häufig als mangelndes Verständnis erlebt.

Viele Betroffene hören in solchen Aussagen unausgesprochene Botschaften wie: „So schlimm war es doch nicht“, „Du solltest inzwischen darüber hinweg sein“, „Deine Gefühle sind übertrieben“ oder sogar „Dieses Kind war nicht wichtig.“ Auch wenn dies selten die Absicht des Gegenübers ist, kann genau dieser Eindruck entstehen.

Hinzu kommt, dass Menschen in akuter Trauer oft besonders verletzlich und sensibel auf Worte und Reaktionen ihres Umfelds reagieren. Aussagen, Gesten oder auch das Schweigen anderer bleiben häufig über Jahre hinweg in Erinnerung. Viele Eltern können sich noch lange später an einzelne Sätze erinnern, die ihnen Trost gespendet haben – aber ebenso an Bemerkungen, die sie tief verletzt haben.

Wird die Trauer wiederholt übergangen, bagatellisiert oder vermieden, kann dies das Vertrauen in Beziehungen nachhaltig beeinträchtigen. Nicht selten entstehen daraus Enttäuschungen und Verletzungen, die noch lange nachwirken. Umso wichtiger ist es, den Schmerz nicht erklären, bewerten oder beseitigen zu wollen, sondern ihn anzuerkennen und gemeinsam auszuhalten. Oft ist die wertvollste Botschaft nicht: „Es wird schon wieder“, sondern schlicht: „Ich sehe deinen Schmerz und bleibe an deiner Seite.“

Kurz und Knapp

Der Tod sollte nicht dazu führen, dass ein Mensch, sei es noch so klein, aus der Erinnerung, dem Kopf und dem Herzen der anderen verschwindet. Wenn jemand gestorben ist und anschließend auch noch „tot-geschwiegen“ wird, ist das keine Form der Trauerbewältigung.

Hilfreich:

  • Eine Schulter zum Anlehnen und ein offenes Ohr anbieten. Dadurch fühlen sich Betroffene ernst genommen und dem verlorenen Kind wird eine angemessene Wertschätzung und Rolle gegeben.  
  • Sich wiederkehrend nach dem Befinden erkundigen, und das nicht nur in den ersten Tagen, sondern beispielsweise auch bei jedem Jahrestag.
  • Die Haltung zeigen, dass alle Gefühle sein dürfen und berechtigt sind. Sie dürfen ihren gewünschten Raum einnehmen und so lange bleiben wie nötig. Das gibt nicht das Umfeld vor, sondern nur die Betroffenen.
  • Um ein „Auf und Ab“ der Gefühle wissen, insbesondere an besonderen Tagen wie dem errechneten Entbindungstermin oder dem Todestag ist die Trauer eventuell noch mal besonders spürbar, dies würdigen und mit daran denken.
  • Wenn man unsicher ist, nicht weiß, was man sagen soll, dann sollte man dieses einfach aussprechen „Du, ich weiß gerade gar nicht, was ich sagen soll, alles, was mir so einfällt, klingt so banal, aber du sollst wissen, dass ich da bin! Wenn Du reden möchtest, bin ich da, wenn Du weinen möchtest, weine ich mit, wenn Du etwas brauchst, kümmere ich mich darum, wenn Du Ablenkung möchtest, bin ich da, wenn Du Deine Ruhe möchtest, halte ich mich zurück, aber Du sollst wissen, Du kannst auf mich zählen.“
  • Beim Erinnern helfen, dazu gehört insbesondere sich als Zuhörer anzubieten.
  • Aktiv helfen, wenn der Alltag nicht gemeistert werden kann (einkaufen, Kinder betreuen o.ä.).
  • Das Kind beim Namen nennen.

Weniger hilfreich:

  • Das Thema nicht mehr ansprechen oder das Kind in Vergessenheit geraten lassen
  • Floskeln zum Trost
  • Das Thema meiden
  • Auf Distanz gehen
  • Ein Ende der Trauerzeit vorgeben
  • Trauer als Krankheit sehen
  • Die Trauer auslöschen wollen
  • Die Trauer bewerten und skalieren
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